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Sonntag, 20.05.2012

"Unsere Großmutter"

1922, ein denkwürdiges Jahr für die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Neuötting. Während in vielen Städten und Gemeinden die Feuerwehren noch mit Handdruckspritzen oder mit motorisierten Tragkraftspritzen gegen das Feuer ankämpfen mussten, konnten die Männer der Feuerwehr Neuötting ihr erstes Löschfahrzeug in Empfang nehmen.
Die beachtliche Summe von 250.000 Reichsmark musste die Stadt aufbringen, um ein solch modernes Löschfahrzeug anschaffen zu können.
Diese "Benzin - Automobile Magirus - Motorspritze", wie sie in einem Prospekt der Firma Magirus-Feuerwehrfahrzeuge genannt wird, war das neuzeitlichste Löschgerät für Stadt und Land.
Wie aus einer Referenz-Liste ersichtlich ist, wurden ähnliche oder gleiche Fahrzeuge z.B. an die Feuerwehren Dortmund, Friedrichshafen, Jena, Ulm, Pfaffenhofen, Stuttgart San Sebastian in Spanien, Stockholm und 2 Fahrzeuge nach Zürich ausgeliefert.
Bei dem Fahrzeug der Feuerwehr Neuötting handelt es sich um eines der ersten 50 gebauten Feuerwehrfahrzeuge der Firma C.D. Magirus.
Das Löschfahrzeug ist in den Akten der Fa. Magirus verzeichnet als Typ "Burglengenfeld"
Als Höchstgeschwindigkeit sind 40 km/h angegeben. Bei den damaligen Strassenverhältnissen und der Vollgummibereifung eine beachtliche Geschwindigkeit.
Aufgebaut ist es auf einem 4-Tonner Fahrgestell mit 40 PS-Motor und einer vom Fahrzeugmotor angetriebenen festeingebauten Feuerlöschkreiselpumpe mit einer Leistung von 1000l/min. Als Entlüftungseinrichtung ist eine Kapselschieber-Pumpe angebaut. Die Druckabgänge sind noch mit Drehschieberverschlüssen, die Schlauchanschlüsse aber schon mit Storz-Kupplungen versehen.
Der Motor muss noch mit einer Handkurbel angeworfen werden, was einiges Geschick und Kraft erfordert.
In einer alten Betriebsanleitung heisst es: Gute Fahrer erkennt man daran, dass sie ihr Fahrzeug nach Möglichkeit immer bergab abstellen.
Damit die neue Automobilspritze auch richtig bedient werden konnte, wurde von den Verantwortlichen der Feuerwehr Neuötting eine eigene Dienstanweisung für die Bedienmannschaft geschaffen.
Im 2. Weltkrieg wurde die Feuerwehr Neuötting 27 mal mit ihrem Löschfahrzeug in die Landeshauptstadt beordert um Löschhilfe zu leisten. Diese Fahrten bei Kälte, Regen und Schnee im offenen Fahrzeug waren auch für die Mannschaft eine große Anstrengung.
In Neuötting hatte das Löschfahrzeug, das mittlerweile schon als Großmutter bezeichnet wurde, seinen letzten Bandeinsatz 1964.
Aber auch an unserer Großmutter gingen die Jahre nicht spurlos vorrüber. So musste 1977 die Vollgummibereifung ersetzt werden. Diese Erneuerung war nur möglich durch die damaligen Farbwerke Hoechst Gendorf, die uns die Vollgummibereifung kostenlos erneuert haben. 1978 haben wir den Motor und 1995 die Feuerlöschkreiselpumpe teilweise ausgebaut und in mühevoller Kleinarbeit instandgesetzt. Diese Arbeiten konnten aber von einigen Kameraden der Feuerwehr Neuötting in vielen freiwilligen Stunden selbst gemacht werden. Dank der Unterstützung von Firmen wie Esterer, Infra Serv Gendorf oder Wacker Chemie ist es möglich solche Reparaturen überhaupt durchführen zu können.
An den Ruhestand kann unsere Großmutter allerdings auch jetzt noch nicht denken. Bei Feuerwehrfesten, Oldtimer-Treffen und Feuerwehr-Sternfahrten ist unsere Großmutter ein begehrtes Fahrzeug, das immer wieder die Blicke der Fachleute auf sich zieht. Bei vielen Veranstaltungen im gesamten süddeutschen Raum hat unsere Großmutter als im Original besterhaltenstes und ältestes Fahrzeug schon viele Preise errungen.
Höhepunkte der Feste oder Oldtimer-Treffen waren die Teilnahme an den Internationalen Feuerwehrsternfahrten in Bischofshofen, Stumm im Zillertal, Bruneck/Südtirol und Gyula/Ungarn.